Interview mit Sportphysiotherapeut Simon Hummer

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Simon Hummer

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Vor allem Mannschafts- und Kontaktsportarten besitzen ein vergleichsweise hohes Verletzungsrisiko, dazu zählt auch die in Europa beliebteste Sportart Fußball. Simon Hummer, der gelernte Physiotherapeut und Osteopath i. A. ist, hat bereits ein paar Stationen im professionellen Fußball hinter sich. In diesem Interview erfahrt ihr mehr über seinen Werdegang und Job und welcher Leistungsdruck auch im Funktionsteam herrscht. Darüber hinaus verrät euch Simon auf welche Faktoren ihr achten müsst, um das Verletzungsrisiko zu reduzieren.

ESP: Grüezi Simon, du warst zuletzt beim FC Thun in der Schweiz tätig, kommst ursprünglich aus Tettnang am Bodensee und bist gelernter Physiotherapeut bzw. Sportphysiotherapeut und Osteopath i. A.

Erzähl uns doch zu Beginn wie du zu diesem Berufsbild gekommen bist.

Simon: Ich habe viele Jahre selber aktiv Fußball gespielt, ein generelles Interesse an der Physiotherapie, Physiologie und Trainingsmethoden, um fit zu sein, war bei mir immer schon vorhanden. Wer selbst lange aktiv Fußball gespielt hat weiß, dass Verletzungen und kleinere Blessuren nie ausbleiben. Durch meine eigenen Verletzungen, wie beispielsweise einem Kreuzbandriss, hat sich dann das Interesse an diesem Beruf entwickelt und gefestigt.

ESP: Deine erste Station als Physiotherapeut im Profisport war der FC Winterthur, wie bist du generell zu den professionellen Sportmannschaften gekommen?

Simon: Korrekt, Winterthur war meine erste Profistation, da war ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Die Nachfrage war da, sie waren mit meiner Arbeit, Einstellung und Expertise scheinbar sehr zufrieden und dadurch habe ich den Job als bekommen. (grinst) Natürlich steht bei den Profi Vereinen aber harte und vor allem gute Arbeit im Vordergrund, wenn man das bietet rutscht man rein und wer sich behauptet bleibt drin. So war es glücklicherweise bei mir.

ESP: Deine bisher letzte Station als Physiotherapeut war der FC Thun in der Superleague, wie sah deine tägliche Arbeit aus?

Simon: Mein Arbeitstag beginnt in der Früh mit der Vorbereitung für das Training.  Das heißt, dass wir unsere Arbeitsmaterialien  aufbereiten, um die Spieler für ihr Training vorzubereiten. Explizit sind das dann kleine Therapieanwendung und das Tapen.

Während des Trainings sind wir dann vor Ort und beobachten dieses, auf der einen Seite um im Notfall behandeln zu können aber auch um uns ein Bild zu machen.

Nach dem Training ist für Physiotherapeuten vor dem Training und wir kümmern uns um die kleineren Blessuren, die während der Einheit entstanden sind. Am Nachmittag beginnt dann die eigentliche Arbeit: Therapie und Training Hier haben wir dann Zeit für die Pflege, längere Thearpieanwendungen, die je nach Bedarf auch mal ein bis eineinhalb Stunden in Anspruch nehmen.

ESP: Das hört sich nach einem 24/7 Vollzeitjob an, wie sieht es mit freien Tagen aus?

Simon: Physiotherapeut zu sein ist auf jeden Fall ein Job der viel Zeit in Anspruch nimmt, wir haben aber dennoch einen fixen Tag in der Woche frei, haben also eine 6 Tage Woche und arbeiten in einem Wechselsystem. Es ist aber natürlich schon so, dass die Spieler die Möglichkeit haben die Pflege zu nutzen, das ist sogar von uns gewünscht und somit ist es kein normaler 9 to 5 Job. An den Spieltagen sind wir selbstverständlich  auch dabei und so arbeiten wir auch samstags und sonntags und kommen gut rum.

ESP: Hört sich fordernd an. Herrscht im Funktionsteam rund um die Physiotherapie großer Leistungsdruck?

Simon: Definitiv, klar der Leistungsdruck als Physiotherapeut  ist da und auch groß. Sowohl Spieler, dessen Berater, der Verein und natürlich auch die Fans üben auf ihre Weise Druck aus. Unser Job ist es die Spieler, trotz der hohen körperlichen Belastung, immer auf den Punkt fit zu machen. Wir sind dafür verantwortlich, dass das alles passt und müssen den optimalen Rahmen dafür schaffen.

Das ist unser Anspruch und ein stetiger Prozess, denn wenn etwas mal nicht so läuft wie gewünscht wird das analysiert und verbessert. Dabei kommt es natürlich zu Druck- Situationen, diese sind aber legitim, denn die Spieler müssen und sollen ja auch spielen, gerade aus wirtschaftlicher Sicht. Verletzte Spieler kosten eben leider nur Geld und können ihren Teamkollegen nicht auf dem Platz helfen.

ESP: Weiterhin Stichwort Leistungsdruck – Gibt es ab und zu Momente in denen Spieler eingesetzt werden und man weiß, dass diese, wäre das beispielsweise ein Landesligaspiel, sprich in einer unteren Klasse, aufgrund ihrer physiologischen Verfassung nicht einmal im Kader stehen würden??

Simon: Die Gesundheit des Spielers steht im Vordergrund, wir sind da um das Verletzungsrisiko so klein wie möglich zu halten. Wenn der körperliche Zustand es nicht zulässt, dann wird auch nicht gespielt, deswegen kann ich die gestellte Frage mit einem klaren Nein beantworten.

Physiologie ist durch uns nicht veränderbar, auch nicht mit mehreren Behandlungen täglich, ist eine Verletzung da dann ist sie da. Die Physiotherapie kann auch hier keine Wunder vollbringen.

ESP: Es gibt also keine Verletzungen, bei denen ein Profisportler spielt oder trainiert während der Breitensportler zum Aussetzen gezwungen ist?

Simon: Man darf natürlich nicht den Fehler machen und den Breitensport mit dem Spitzensport vergleichen, dieser hat seine eigenen Regeln und auch Möglichkeiten. Klar kann es dann auch sein, dass eine Blessur durch die intensivere Betreuung und Physiotherapie schneller ausheilt. In erster Linie geht es aber darum, das ist unsere Hauptaufgabe, den Spieler vor Verletzungen zu schützen, wie z.B. dem Lösen von Triggerpunkten und dass sich daraus keine größeren Verletzungen ergeben.  Ist die Verletzung bereits da, muss der Spieler aber genauso geduldig  an seinem Comeback schuften wie der Breitensportler.

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ESP: Also gab es in deiner Laufbahn als Physiotherapeut noch nie den Fall, dass, aufgrund der Forderung des Vereins, des Beraters, ein Spieler ohne grünes Licht deinerseits gespielt hat?

Simon: Nein, glücklicherweise nicht. Schwierige Entscheidungen werden im Funktionsteam besprochen und analysiert, da gehört auch die ganze medizinische Abteilung dazu und auf diese Expertise vertraut der Trainer. Niemand trifft da eine Entscheidung im Alleingang.

ESP: Interessant: Stichwort Verletzungsprehab, also das Verhindern von Verletzungen, deiner Hauptaufgabe. Welche Tipps aus der modernen Physiotherapie sind deiner Meinung nach essentiell, die du unseren Lesern mit auf den Weg geben kannst? 

Simon: Da gehört einiges dazu, es sind mehrere Faktoren, die sich ergänzen. Ein Gesamtpaket das stimmen muss. In erster Linie ist wichtig seinen Körper zu pflegen, in jeglicher Hinsicht.

Die Basics müssen stimmen, dazu gehören Training, aktive und passive Regenerationsmaßnahmen,  der mentale Zustand aber auch eine ausgewogene, für die Person passende, Ernährung und auch ganz wichtig ein ausreichend und qualitativ hochwertiger  Schlaf.

Da habt ihr ja aber auch schon ausreichend Sachbücher geschrieben, die man empfehlen kann, soviel ich weiß. (grinst)

ESP: Danke für den Hinweis aber zurück zu dir (grinst) Erstrebenswert für euer Berufsfeld wäre dann, dass jeder Fußballer die intrinsische Motivation mit sich bringt so zu leben. Auf der anderen Seite kann ich mir auch gut vorstellen, dass gerade die Herausforderungen deinen Job so interessant machen. Was macht der Job für dich aus? Und was würdest du Menschen, die auf dem Weg sind eine oder einer eurer Zunft zu werden, raten?

Simon: Was den Job in der Physiotherapie ausmacht ist die Vielfältigkeit, die der menschliche Körper eben auch hergibt. Man kann nicht nach einer einheitlichen Theorie arbeiten, jeder Körper hat quasi seine eigenen Gesetze. Das Schema F gibt es nicht. Das Fordernde und gleichzeitig auch Spannende ist, dass jeder Tag bei null beginnt. Was gestern gut war, kann heute schon nicht mehr das Optimale sein. Hier heißt es sich jeden Tag auf neue Eventualitäten einzustellen und diese zu meistern.

Jedem der auf dem Weg ist Physiotherapeut zu werden oder mit dem Gedanken spielt, kann ich nur sagen, dass er eine Passion für das Berufsbild und den menschlichen Körper entwickeln muss und den Willen jeden Tag neu zu lernen nie verlieren darf, dann hat er sehr viel Spaß an einem fordernden aber schönen Beruf.

Herzlichen Dank für deine Zeit und Antworten.

 

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